Ein besonderer Ehrenamtstag

„Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen“
Diese Worte eines mittelalterlichen Gelehrten drücken aus, wie sehr wir von den kulturellen Leistungen derjenigen Menschen profitieren, die vor uns gelebt haben. Meistens ist uns das nicht bewusst, aber ein besonderer Ehrenamtsabend erlaubte uns einen Blick-Wechsel auf mittelalterliche Kultur und Religion und auf andere Religionen.
Am 27. August 2026 führten die Konventualinnen Barbara Windisch und Katrin Dageförde ehrenamtlich Begleitende  der ambulanten Hospizarbeit durch das Kloster Isenhagen. Anschließend fand im Kapitelsaal des Klosters ein Workshop zum Thema „Religionen der Welt“ statt, geleitet durch die Referentin Anja Barth. 
Das Kloster Isenhagen ist, seit es 1346 erbaut wurde, ununterbrochen bewohnt gewesen. Menschen haben hier gelebt, sind gestorben, haben uns in Architektur und Kunst ihre Symbole hinterlassen. Dadurch haben sie die Kultur mitgestaltet, in der wir jetzt leben. 
Auf dem Weg in die Kirche fällt eine Inschrift am Balken des Gästehauses auf: 
Hospitalitatem sectantes - Übt Gastfreundschaft 
Obwohl es keinen Nachweis gibt, dass das Kloster Isenhagen ein Krankenhaus hatte, ist die Inschrift ein Hinweis auf die grundlegende Aufgabe eines Klosters, Gäste aufzunehmen. Das Wort „Hospiz“ leitet sich aus diesem Zusammenhang ab. 
Der große quadratische Innenhof gibt den Gebäuden Licht. Er ist ein Symbol dafür, dass die Klostergemeinschaft das Kommen der Himmlischen Stadt erwartet, die von Gottes Gegenwart erfüllt ist. Das Leben der meisten Menschen im Mittelalter war kurz, durch harte Arbeit geprägt, von Krankheiten bedroht. Die Anlage des Innenhofes erzählt von der Hoffnung auf eine kommende, bessere Welt, für die es sich zu leben lohnt. 
Die Kreuzgänge, die um den Innenhof herumführen, verbinden die Kirche mit den weltlichen Teilen der Anlage. Auch alltägliche Wege und Tätigkeiten sollen ihre Spiritualität erhalten. Das wird besonders deutlich in dem schön ausgestalteten Ostkreuzgang: Er hat noch kurz vor der Reformation das ursprünglich vorgesehene Kreuzrippengewölbe erhalten. Dort befinden sich die Konsolen: Reliefs, die Szenen der Bibel darstellen. Wenn man sich mit ihnen näher beschäftigt, stellt man fest, dass die unbekannten Erbauer und Künstler eine tiefe Einsicht in die inneren Zusammenhänge der Bibel hatten. Ursprünglich waren die Konsolen farbig und wurden bei Gebeten und Prozessionen betrachtet – und dann, wenn man im Alltag an ihnen vorbei ging.
Die Memorienstiftung: Aufgabe des Klosters war es auch, Urkunden aufzubewahren. Die Backsteingotik als Baustil war nicht nur Statement, zum europaweiten Netzwerk der Zisterzienser zu gehören. Sondern als Steingebäude bot das Kloster einen geeigneten Ort, um Dokumente über viele Jahre - inzwischen Jahrhunderte - hinweg aufzubewahren. Im Museum des Klosters wird eine große, eindrucksvolle Urkunde gezeigt, die Verträge mit Stiftern enthält. Alle, die dem Kloster Zuwendungen machten, erhielten dafür die Versicherung, dass ihr Name regelmäßig vor Gott gebracht wurde  - auch über ihren Tod hinaus. So entstand eine enge Verbindung zwischen Lebenden und Verstorbenen. Die Klostergemeinschaft verpflichtete sich, ihre Gebete für die Verstorbenen fortzusetzen bis zum Ende der Zeiten, wenn Gott die Neue Welt erschafft, in der es kein Leid und keinen Tod mehr gibt.
Diese Grundüberzeugung der Gläubigen des Mittelalters unterscheidet sich grundlegend von der Spiritualität heutiger Menschen. Damals war die Vorstellung selbstverständlich, dass nicht nur das eigene Leben aufhören wird, sondern auch die Zeit auf ein Ende zu läuft. 
Hauptaufgabe der Nonnen war es daher, auf dem Nonnenchor über der Gemeindekirche zu beten. Von der Kirche aus konnten ihre Gesänge gehört, aber sie selbst nicht gesehen werden. Auch in der Nacht fanden Gebete statt. Der Weg zum Dormitorium, dem Schlafsaal der Nonnen, ist deshalb nicht weit. Am Chorgestühl, das noch aus der Bauzeit des Klosters stammt, ist zu erkennen, dass es ursprünglich für 53 Nonnen gebaut wurde. Es gibt Hinweise, dass später bis zu 100 Nonnen dort gelebt haben. Nachdem 1540 hier die Reformation eingeführt wurde, waren es 10-15 Konventualinnen. 
Heute bietet das Kloster 10 Wohnungen nach modernem Standard für Frauen, die ungebunden sind und sich selbst versorgen. Im Mittelalter wurden dagegen alle, die im Kloster lebten und arbeiteten, durch das Kloster versorgt. Bei der Besichtigung der Kirche wird ein Wandel der Bestattungskultur deutlich. Ein Blick hinter den Altar zeigt dessen Bedeutung im Mittelalter: die geweihte Hostie wurde dort aufbewahrt und von der Gemeinde angebetet. Sie symbolisierte die Gegenwart Christi. Um in dessen Nähe zu sein, wurden Verstorbene möglichst nahe am Altar unter der Kirche in einer Gruft bestattet. Nach der Reformation fanden Begräbnisse auch im Innenhof statt. Heute können Konventualinnen auf einem bestimmten Abschnitt des Isenhagener Friedhofs begraben werden.
Für die Hospiz-Arbeit interessant ist auch die Darstellung des Marientods auf dem Schnitzaltar von 1440: Maria liegt auf dem Sterbebett und wird von den Jüngern begleitet – also nicht von der eigenen Familie. Der Künstler hat das Bett mit Gold überzogen, um seine Wertschätzung für diese Situation zum Ausdruck zu bringen.
Darunter findet sich die Abbildung, wie Jesus Adam und Eva aus der Hölle führt. Im Spätmittelalter spielte die Vorstellung, aus der Hölle gerettet zu werden, eine wichtige Rolle. 
 
Religionen der Welt
Ich gebe hier wichtige Gedanken wieder, die im Laufe des Workshops zur Sprache kamen.
Während im Mittelalter verbindliche Glaubensvorstellungen den Alltag regelten und bestimmten, begegnen uns heute verschiedenste Religionen, eine große Vielfalt von christlichen Richtungen, und Menschen, die sich als nicht-religiös bezeichnen. Manche Menschen bezeichnen sich als Religionskomponisten und sind auf der Suche nach Wahrhaftigkeit in ihrer persönlichen Spiritualität. In Bezug auf die Religionsausübung gibt es die ganze Bandbreite zwischen Fundamentalismus und großer Offenheit. 
Kulturelle Identitäten spielen eine Rolle. Im Zusammenleben können sie aufeinander stoßen und Konflikte auslösen.  Zuwanderer kommen häufig aus Kulturen, in denen die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielt. Dabei bildet Religion oft das geistige Bindeglied. Das kann zu Spannungen und Konflikten führen, denn für das westliche Leben sind Selbstbestimmung und Individualität bis hin zum Individualismus hohe Werte. Bei Krankheit stellt sich jedoch in jeder Kultur die Frage, wer die kranke Person mit trägt.
Anja Barth wies zu Beginn darauf hin, dass es wiederkehrende Elemente in allen Religionen gibt. Am Anfang des Workshops benannte sie besonders Licht und Stille. Daher begann der Workshop mit einem Moment der Stille. Dem Heiligen soll ein Raum gegeben werden in der Welt.
Nachdem wir Fragen zu den Religionen stellen konnten, erläuterte Frau Barth die Weltreligionen, mit einem besonderen Schwerpunkt auf diejenigen Glaubensformen, die in unserem direkten Umfeld im Landkreis Gifhorn vertreten sind.
Auch wenn sich ein Mensch als nicht-religiös empfindet, gibt es in jedem Leben Spiritualität. Das sind die innersten Überzeugungen und Werte, mit denen ein Mensch lebt. Für die Begleitung am Lebensende ist es sinnvoll, diese mit einzubeziehen. 
Einige ehrenamtlich Begleitenden berichteten, dass Religion bisher keine Rolle in der Begleitung gespielt hat. Auch bei nicht-religiösen Personen kann es im Leben Moment geben, in denen sie sich mit etwas Großem verbunden gefühlt haben.
Das Bild, das sich jemand von Gott macht, wird häufig mit Erziehung und Prägung gleichgesetzt. Es kann sich jedoch öffnen, wenn in der Begleitung die Frage gestellt wird, was die Person jetzt braucht. Und deutlich gemacht wird: „ich fühle mit dir, ich wünsche dir Frieden.“ Dabei wird der große Schmerz gewürdigt.
Für die Begleitung können folgende Fragen hilfreich sein: 
Welche Prägungen gab es? Welche davon wurden über Bord geworfen? Was trägt noch immer? Die Frage „Was gibt mir Halt“ ist bei schwerer Krankheit ebenso bedeutsam, wie sie es im Leben überhaupt ist.
Für Christen kann Jesus ein Vorbild sein. Sein Leben zeigt eine tiefe Solidarität, die dem Leiden nicht ausweicht.
Der Workshop hat viele Gedanken angeregt, und neue Fragen ermöglicht:
Wie gelangen wir zum Thema Spiritualität, und können es mit in die Begleitung einbeziehen? Und: Wie gehen verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen mit Leid und Tod um?